Betrachtung eines artifiziellen Lebensraumes als Melodie der Intensivstation

Zusammenfassung:

Spiritualität lässt sich nicht einfach im naturwissenschaftlichen Sinne beschreiben, begreifen und beweisen. Sie lässt sich nicht in eindeutigen Worten, Kategorien und Definitionen fassen. Spiritualität ist eine sehr persönliche, unmittelbare Erfahrung. In unterschiedlichen Situationen des Lebens wird sie auf je individuelle Weise erfahrbar. So auch auf der Intensivstation, wo Patientinnen sowie Personal sich in einem Zwischenraum von Leben und Tod wiederfinden. Alle Beteiligten ringen um das physische Leben, doch begegnet man auch der Macht des Todes: Furchterregend/faszinierend, entlastend/verunsichernd sind duale Erfahrungsqualitäten. Wir versuchen eine Sprache, die dem künstlerischen Ausdruck der Poesie/Musik nähersteht als der nüchtern sachlich-wissenschaftlichen Analyse. Eine Anregung zum Weiterdenken.

Abstract:

We cannot describe, understand and prove spirituality easily in a natural scientific way. We cannot catch it by definite words, categories or definitions. Spirituality is a very personal and intuitive experience. In different life situations, we experience it always in an individual way. So like in ICU where patients like staff find themselves in an interspace between life and death. All participants here struggle for physical life, however facing death’s lordship. Intimidating/fascinating, relieving/unsettling – these are dual life qualities. We try a language closer to poetic or musical expression than to prosaic, clinical, scientific analysis: Animation to think beyond.

 

Fragen zur Spiritualität

Als im vergangenen September eine Delegation von 20 japanischen Ärzten im Klinikum rechts der Isar in München war, um sich über Medizin und Spiritualität zu informieren, geschah etwas Interessantes: Als die Sprache auf die vier Grundelemente oder „Essenzen“ allen Seins kam (griechische Philosophie: Feuer, Wasser, Luft, Erde), erhob sich plötzlich Widerspruch aus der Gruppe: Nicht vier, sondern fünf Elemente, sagte jemand. Auf die Rückfrage, was das fünfte Element denn sei, begann eine fast 20 Minuten andauernde Diskussion unter den Teilnehmenden auf japanisch. Einer aus der Gruppe entschuldigte sich für die lange Diskussion und erklärte, dass sie versucht hätten, eine Definition für dieses 5. Element (möglicherweise die Spiritualität) zu finden, aber gescheitert seien, denn man könne es nicht in Sprache fassen, am ehesten noch in ein Bild: Das ‚Dach des Tempels’.

Spiritualität, auch und besonders die der Intensivstation kann man nicht in Begriffe und Definitionen fassen. Dies ist uns in den Diskussionen um diesen Artikel deutlich geworden. Jede nüchterne, rationale Sachlichkeit entzieht der Spiritualität ihre Eigenart, welche die Theologen mit ‚tremendum et fascinosum’ [1] umschreiben. Harald Walach wies in seinem Buch „Spiritualität – Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen“2011 darauf hin, dass letztlich zur wissenschaftlichen Erkenntnis nicht nur die äußere Erkenntnis (Empirie), sondern auch die innere gehöre [2]

Wie also beschreiben wir Spiritualität einer Intensivstation, wo wir so an äußere Erkenntniswege gewöhnt sind und den Zugang zur inneren Erfahrung der Wirklichkeit nicht mehr oder noch nicht gewohnt sind? Mit welcher Sprache beschreiben wir die Wirklichkeit der Spiritualität inmitten eines rational und empirisch geprägten medizinischen Umfeldes? Kann die so sehr persönliche und intime Erfahrung eines Überganges zwischen Leben und Tod je in Sprache gefasst werden?

Plötzlich geschah etwas während wir darüber nachdachten: Eine Intuition, eine Idee meldete sich und wir möchten ihr mit diesem Artikel folgen:

Wir beschlossen beim gemeinsamen Nachdenken, dem Geschehen und Erleben auf einer Intensivstation die Kraft und Energie einer lyrischen, poetischen, musikalischen Betrachtung zu geben. Ganz bewusst, um dieser Intuition zu vertrauen.

Es ist ein erster Versuch, ein ganz persönlicher Weg, um der Spiritualität ein Gesicht zu verleihen im Undefinierbaren und Unsagbaren einer Intensivstation. Wir haben diesen Versuch jedoch so stimmig erlebt, dass wir es wagen, so für Sie, liebe Leserinnen und Leser, zu schreiben und dies hier zu publizieren.

Wir möchten Sie inspirieren und ermutigen, sich mit uns auf Resonanzen einzulassen, wie auch immer sie aussehen mögen. Wir verstehen unseren Artikel als Beitrag, sich selbst aus ganz persönlichem Blickwinkel der spirituellen und somit transzendenten Welt einer Intensivstation zu öffnen und inneres Erleben zuzulassen.

Künstlerische Möglichkeiten wie Bild, Ton, Musik oder Lyrik können ein je eigener Beitrag sein. Damit kann Begegnung mit dem unsagbaren Geheimnis der Transzendenz ermöglicht werden. Es kann sein wie Filmmusik, die im Vordergrund den Hintergrund spielt und mit allen Sinnen in das Geschehen einer Intensivstation eintauchen lässt und dabei Lücken und Disharmonien des Unausdrückbaren akzeptiert und zulässt.

Mit einem professionellen Musiker sind wir gerade dabei, dieser Intuition auch musikalisch/choreographisch zu folgen, um damit den spirituellen Raum der Intensivstation auf diese künstlerische Weise zu erschließen.

DER RAUM DER SYMPHONIE

Ein künstlicher Lebensraum, ein Raum mit nur EINEM Ziel: Überleben! Der Segen der Technik, der hochkompetente Einsatz von hoch spezialisierten Menschen, sie gemeinsam ringen dem Tod das Leben ab. Das heißt: Sie versuchen es.

Nirgendwo sind Gelingen und Misslingen, Leben und Tod so nah verbunden.

Hier ist ein Zwischenraum, ein Ort zwischen dem HIER und JETZT und dem DORT und JENSEITS, der Erlebnisbereich eines Überganges. Ein künstlicher Lebensraum, von Menschen geschaffen! Und gleichzeitig ein spiritueller Lebensraum!

Unbeschreibbar bleibt letztendlich dieser Erlebnisbereich mit der semantischen Begrenztheit der Worte und doch scheinbar so klar begrenzt, definierbar, organisiert. Ein Lebens-Raum, welcher durch die Lebens-Prozesse aller in ihm Lebenden geformt und verwirklicht wird. Wie ein Labor, in dem alle ihre Rolle einnehmen und handeln, um das Leben des Patienten, vielleicht auch ihr eigenes zu sichern und zurückzuholen. Doch was ist Leben?

Hier berühren sich metaphysische Wirklichkeit und Realität des Alltags und durchweben sich, streiten sich, ergänzen sich, suchen sich. Es entsteht Ausdruck und nicht immer Verständnis. Es entsteht Wirkung, erfahrbar wie eine Melodie, die Spannung zwischen harmonisch und dissonant aufbaut, mal stockend wie ein Fluss, der fließen möchte, doch gestaut ist, mal reißend und bedrohlich wie Wildwasser in Stromschnellen, mal ruhig und leise wie ein breiter Strom: Fluss des Lebens, wohin fließt du? Staunend, erschreckt, gestaltend, hilflos, ohnmächtig, kontrollierend dem gegenüber die Beteiligten: Ärzte, Pflegende, Angehörige.

Dieser Fluss strömt durch Niemandsland, wo sich Himmel und Erde berühren. Der Mensch ist noch HIER aber auch schon DORT. Und ein Wille bestimmt den Menschen: das Leben im HIER zu halten, ein Kampf mit der Macht des DORT:

Medizinische Kompetenz und Technik: Ohne sie wäre dieses Ziel nicht erreichbar. Und doch – es gibt eine Grenze: Halten oder Loslassen – Retten oder hindern – das Gestalten einer Übergangserfahrung.

Der Kampf ist bestimmt durch Angst und Ohnmacht, gespenstische Unsicherheiten im Definierbaren und nicht mehr Bestimmbaren, halten oder loslassen. Aber die Intensivstation kann auch ein Raum der unendlichen Ruhe und heiliger Atmosphäre sein! Ein Raum der Sicherheit spendenden Rituale. Abläufe, Prozesse: Verkleidung, Hygiene, Schichtdienste im Tag-Nacht-Rhythmus, Visiten, Kontrollen, Dokumentationen im Hoffen und Ringen, Halten und Zulassen, Kämpfen und Heilen.

Ein Fluss im Strom der heilenden Zeit, eingebettet in den alles tragenden Lebensodem der essentiellen Wirklichkeit - Ewigkeit, entkernt von der zwingenden Gestalt der Dogmen und Definitionen, erfahrbar einfach als wortloser Grund menschlicher Existenz – über alle Grenzen hinweg. Sie löst die Konkurrenz zwischen HIER und DORT, Leben und Tod auf in den tragenden Grund des Seins.

Eine der Natur innewohnende Weisheit, Melodien die sich bei genauem Hinhören jenseits des Verstandes zu einer leisen Symphonie fügen können als Ausdruck einer tiefen spirituellen Dimension.


Es würde uns freuen, wenn wir Ihre Resonanz auf unseren Artikel erfahren dürfen. Schreiben Sie uns eine Email an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


[1] siehe ursprünglich: Rudolf Otto: Das Heilige, München 1917

[2] Harald Walach, Spiritualität – Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen, Klein Jasedow 2011

Autoren:

Thomas Kammerer

Pfarrer, Leiter der kath. Seelsorge
Klinikum rechts der Isar der TU München
Ismaninger Str. 22
D-81675 München

Dr. med. Stefan R.M. Fennrich

Arbeitsgruppenleiter

Klinisches Forschungslabor

Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie

Universitätsklinikum Tübingen

Calwerstr. 7/1

D-72076 Tübingen